Friedrich Arndt

 

Home
Nach oben

____________

Diese Seite wird statistisch aufbereitet mit Google-Analytics

*   *   *

Links:

Hamburger
Puppentheater

*   *   *

Puppenspiel-
Portal

*   *   *

Unima
Deutschland

 

 

"Friedrich Arndt in seinem Atelier"
Film: Gangolf Arndt
Musik: Hans Posegga
Zusammenstellung: Jens Welsch

 

Frau Irmgard Waßmann,
ehemalige Mitarbeiterin von Friedrich Arndt, 
schreibt über ihren »Principal«

Begegnung mit Friedrich Arndt

Meine Begegnung mit Friedrich Arndt dauert nun schon mehr als 35 Jahre. Mein erster äußerer Eindruck war: »Du liebe Zeit, das ist auch so ein ausgemergelter, verhungerter Mann, der als Soldat die Kriegszeit erlebt und in den ersten Nachkriegsmonaten nicht viel zum Beißen hatte.« Die erste Begegnung fand statt, als ich als junger Mensch von 19 Jahren im Dezember 1945 von Max Jacob für seine Bühne als »Kraft für Musik und Donnerblech« engagiert wurde. Es wurde eine Begegnung von 14 Jahren mit dem Puppenspieler Friedrich Arndt daraus.

Es ist wohl ein Glücksfall, der nicht so sehr vielen Menschen beschieden ist, wenn man als junger Mensch in einer chaotischen Zeit in einen Kreis gerät, der mit Spielern und deren Angehörigen einen ganz festen Rahmen abgibt. Innerhalb dieses Kreises war es für mich ganz entscheidend, den Menschen Friedrich Arndt als das in Anspruch nehmen zu können, was man in Neudeutsch eine »Bezugsperson« nennt. Ein Mensch, der älter war, der vom Leben schon viel kannte, der Verantwortung hatte für eine große Familie, der selbst feste Standpunkte hatte, der bereit war für viele Gespräche, musste für mich von großer Wichtigkeit sein. Ich erinnere mich, daß F.A. mir mit viel Geduld half, mit meinen ersten kleinen Rollen im Spiel zurechtzukommen, etwa wenn meine Stimme als Großmutter allzu jugendlich klang oder ich die Puppe reichlich frisch über die Spielleiste hüpfen ließ. Er sorgte mit dafür, dass mit der Zeit eine brauchbare Spielerin aus mir wurde.

Hier nur ein paar Stichworte aus der ersten Zeit nach Kriegsende. Alles, was heute für uns zum selbstverständlichen Komfort gehört, warme Zimmer zu haben, im Auto reisen zu können, satt zu sein, Perfektion zu erwarten, wo immer man auch ist, das war so ganz anders damals. Von einem Spielort zum anderen reiste die Spielgruppe auf offenem LKW, (reichlich kalt!) z.T. mit Hilfe der Engländer. Oft genug funktionierte die Fahrt nur, indem wir abwechselnd die Zündkerzen putzten, denn neue waren unerreichbar. Abenteuerlich waren Fahrten mit Holzvergaser LKW, man war dauernd damit beschäftigt, den Vergaser mit Holz zu füttern. Das Reisen mit Zügen war für uns nur dann komfortabel, wenn wir mal englische Militärzüge benutzen durften. Ansonsten war es immer ein Wettlauf mit der Zeit, das Bühnengepäck rechtzeitig mit uns am Spielort zu haben. Oft genug mussten die Männer z.B. beim Umsteigen selbst mit den schweren Kisten von einem Gepäckwagen zum anderen rasen, damit sie mit uns zusammen ankamen. Die überfüllten Züge hatten damals viel mehr Eingänge als heute, denn man benutzte auch die Fenster.

Das Publikum in der Zeit war vielschichtig: wir hatten eine breit gefächerte Palette, so etwa würde es Kasper ausdrücken.
Es gab

Spiele für deutsche Kriegsgefangene im Lager Putlos in Ostholstein. Die Soldaten versorgten uns mit Säcken voll Brennholz.

Vorstellungen in Lazaretten und für die Männer der Baukompanien, die für die Engländer arbeiteten.

Spiele für die Internierten im Lager Neuengamme oder in einem Erholungsheim für ehemalige KZ-Häftlinge und für Flüchtlinge in den ehemaligen Kasernen.

Gastspiele in Kinderheimen, in denen wir nahrhafte Kinderkost bekamen, eine lebensnotwendige Wichtigkeit damals.

und ganz normale Abendvorstellungen.

Wenn die Spielräume geheizt waren, freuten wir uns. Oft gab es auch eiskalte Säle, in denen uns der Finger im Puppenkopf abstarb. Das Publikum kam abends trotzdem, denn zu Hause war es auch kalt, da fror es sich besser mit Unterhaltung. Die Menschen saßen dann in Wolldecken eingehüllt; manchmal schwankte vom Luftzug der Kronleuchter im Saal, der durch den Bombenkrieg noch etliche Löcher in Wand und Decke hatte. Wenn das Publikum klatschte, ertönte ein dumpfer Ton, es war das Klatschen mit Fausthandschuhen.

Sehr bemerkenswert war für uns eine Vorstellung in Hamburg im Hotel »Atlantik‘ im eiskalten Saal. Dabei hatten wir Wärme erwartet, weil wir ausgerechnet für die Verantwortlichen der englischen Kohlebeschaffungszentrale spielten. Die Damen trugen Pelzmäntel im Saal und sie aßen mit den Herren die köstlichsten Dinge. Die Kellner verstauten die Reste in ihren Aktentaschen. Wir sahen mit hungrigen Augen durch unsere Beobachtungslöcher in der Bühnenbespannung, unser Spiel wurde zum Dessert gereicht.

Mit dem gleichen Mut, mit dem F.A. seinen Beruf wechselte vom Bankkaufmann über Im- und Export-Kaufmann zum Puppenspieler, gründete er im März 1949 seine eigene Bühne. Mit Claus Gräwe und mir, also mit drei Norddeutschen, entstand die norddeutsche Bühne der Hohnsteiner, die auf Wunsch Plattdeutsch spielte. Noch nachträglich bewundere ich die Geduld und Nachsicht F. Arndts mit mir, die ich eigentlich gar kein Platt- deutsch konnte. Ich hatte es in der Schule nur mal ein Jahr als »Fremdsprache« gelernt.

Ohne jeden finanziellen Hintergrund gingen wir drei auf unsere erste Gastspielreise, die uns in kleine Harz-Orte führte an die Grenze, die damals die Zonengrenze hieß. Um möglichst Geld zu sparen, zogen wir unser Bühnengepäck mit einem Handwagen von einem Spielraum zum anderen oder zum Autobus in der Hoffnung, er möge uns mitnehmen. Claus Gräwe, der bis dahin auch in einem kaufmännischen Beruf gearbeitet hatte, meinte beim Ziehen des Handwagens voller Enthusiasmus: »Ist es nicht romantisch!«

Zu dieser Romantik gehörte allerdings auch, dass die Agentur für unser Gastspiel sich nicht an die Abmachungen hielt, wir plötzlich auf eigenes Risiko spielten und mit schlecht oder dann auch gut besuchten Vorstellungen gerade Hotel und Rückfahrkarte bezahlen konnten. Es liegt wohl auch etwas mit am ehemaligen Kaufmann Friedrich Arndt, dass er unsere Spielgruppe mit viel Geschick durch Schwierigkeiten aller Art sicher hindurchsteuerte über viele Jahre.

Lange hatte ich Gelegenheit, den Puppenspieler Friedrich Arndt mit all seinen Fähigkeiten kennen zu lernen. Der Pädagoge F.A. spielte dabei eine wichtige Rolle. Als junger Mensch war ich immer etwas allergisch gegen die allzu deutliche erzieherische Absicht bei anderen Puppenspielern, deren erhobener Zeigefinger mich störte. Es ist wohl richtig, wenn ich beobachtet habe, dass F. Arndts erhobener Zeigefinger nur im Puppen- kopf vorhanden war und die pädagogische Absicht, die es bei Kinderspielen natürlich gab, immer spielerisch komödiantisch verpackt war, so dass das Spiel in erster Linie Spaß brachte.

Für mich war es faszinierend, zu erleben, wie die Entstehung eines Stückes für Erwachsene vor sich ging. Vom ersten Gedanken, einer vagen Idee, bis zur Erstaufführung verging ein Jahr des Überlegens, des Schreibens, des Zeichnens der Puppenköpfe als Anregung für den Puppenschnitzer, des Zeichnens der Figurinen als Entwurf für die Puppengewänder. Es wurde überlegt, wie die Vorhänge farblich zu den Puppen passen konnten, welche Requisiten angefertigt werden mussten, welche Musik notwendig war. Der Hauptteil an dieser Arbeit war das Werk F. Arndts. Aber er ließ uns teilhaben an seiner Arbeit, ließ uns das Gefühl, schöpferisch mitgewirkt zu haben. In vielen Gesprächen über ein neues Stück zwischen den Aufführungen im Cafe oder später auf den langen Fahrten im eigenen VW- Bus merkte ich, mit welcher Sorgfalt bei der Formulierung des Textes vorgegangen wurde.
Wenn das Stück dann schließlich nach harter Probenzeit im Atelier stand, hatten wir Spieler damit einen festen Text-Rahmen, in dem wir uns aber mit Improvisationen in Text und Spiel frei bewegen konnten. Wir hatten also reichlich Gelegenheit, zur »Ich-Findung« und zur «Selbstverwirklichung«, dafür sorgte F.A. als Bühnenleiter. Wie gut F.A. selbst in der Improvisation während einer Aufführung war, dafür nur ein Beispiel: In Schöppenstedt fand eine Eulenspiegel-Festwoche statt. In unserer Aufführung »Till Eulenspiegel« saß in der ersten Reihe der Dichter Hermann Claudius mit seiner Frau. Zwischen ihm und dem von F.A. gespielten Kasper entwickelte sich ein äußerst witziges und geistreiches Gespräch. das wie ein Florettfechten hin und her ging und das Publikum hell begeisterte.

Es soll hier nicht vergessen werden, dass neben vielen anderen Helfern hauptsächlich F. Arndts Frau Anni dafür sorgte, dass diese Bühnenarbeit überhaupt geleistet werden konnte. Dieser stets zu jeder Arbeit, zu jeder Hilfe bereite Mensch war immer der gute Geist im Hintergrund.

 

Quelle:
Irmgard Waßmann: Begegnung mit Friedrich Arndt, in: Begegnungen mit dem Puppenspieler Friedrich Arndt, Jahresgabe 1981 für de Freundeskreis der Hohnsteiner Puppenspiele, zusammengestellt von Claus Harder und Hans-Joachim Just. 
    

Friedrich und Anni Arndt