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Der Hohnsteiner Kasper plaudert

Liebe Menschen, ausnahmsweise greife ich einmal zur Feder. Lieber ist es mir, wenn ich oben auf der Spielleiste unserer Bühne sitzen und Euch "von oben herab" etwas sagen kann. Dorthin gehöre ich als Kasper. Ach ja, gestattet zunächst, dass ich mich vorstelle. Ich bin Kasper, der Hohnsteiner Kasper, und vom Kaspertheater ist die Rede. Vielleicht meint der eine oder andere von Euch, dass es nicht lohne, darüber zu reden, da es schon Kaspertheater genug in der Welt gäbe. Das mag stimmen. Aber das ist Eure Welt. Von der verstehe ich nichts. Ich bin ja nur ein Holzkopf. Doch von unserer Welt laßt mich erzählen.

Unsere Geschichte

Ja, wir haben eine, andere machen Geschichten. 
1921 begann es in Hartenstein im Erzgebirge. Dort gründete Max Jacob uns. Max Jacob gehörte zu den Wandervögeln. Die wollten damals Eure Welt verbessern. Dazu brauchten sie Hilfe. Max Jacob meinte, die stummen Holzköpfe wären vielsagender als die Menschen, und schon saßen wir in einem Rucksack und waren froh, wenn er uns herausholte und wir uns und anderen frische Luft machen konnten.

1928 wurden wir vornehm und bezogen Burg Hohnstein in der Sächsischen Schweiz. Dahin kamen viele junge Menschen. Vor denen durften wir uns aufführen, was ja mancher in der Welt tut, so oder auch so. Anscheinend führten wir uns gut auf, denn es kamen immer mehr Menschen zu uns. Sie gaben uns den Namen DIE HOHNSTEINER. Den sind wir nicht mehr losgeworden. Und wir Holzköpfe nicht mehr die Menschen. So fuhren wir bald mit zwei Bühnen zu ihnen ins In- und Ausland.

1936 entdeckte uns der Film. Wir wurden Stars, die billig und anspruchslos sind. So stehen zwar keine sensationellen Nachrichten über uns in den Illustrierten, aber wir sind schon in über 30 Filmen zu sehen.

1937 war in Paris die Weltausstellung. Wir waren dabei. Als wir wiederkamen, hatten wir im Gepäck eine Goldmedaille. War haben sie heute noch. Dann kam der Krieg. In ihm kamen wir weit herum bei den Soldaten. Am Ende war aber unsere ganze Arbeit zerschlagen.

1945 fing Max Jacob in Hamburg neu an. Es gab keine Kohlen und wenig zu essen. Aber wir lachten darüber und die Menschen mit uns. In Hohnstein stellte zur gleichen Zeit Harald Schwarz eine weitere Hohnsteiner Bühne zusammen, die später nach Essen übersiedelte. 1949 fragten die Schweden bei uns an, ob wir wohl Lust hätten, eine Reise zu ihnen zu machen. Und ob wir Lust hatten, war es doch die erste Auslandsreise nach dem Kriege, die wir wieder machen durften. In Schweden waren wir unter den ersten Künstlern, die nach dem Kriege aus Deutschland dorthin kamen. Dass es ausgerechnet Holzköpfe waren, erregte großes Aufsehen. Der Blätterwald rauschte, und wir konnten lesen, dass wir "die besten Ambassdeure Deutschlands" wären. Meine Großmutter bekam einen Schreck und meinte, das wäre sicher etwas ganz Furchtbares. Wir sahen rasch im Wörterbuch nach, und Großmutter war zufrieden, als sie hörte, dass nur ein "Gesandter" mit dem beunruhigenden Wort gemeint war. Aber wir schlossen Freundschaft mit den Schweden und sind seitdem oft wieder dort und auch in vielen anderen Ländern Europas gewesen.

Max Jacob meinte 1949, dass Friedrich Arndt, der im letzten Kriegsjahr zu ihm gekommen war, eigentlich auf eigenen Füßen stehen könnte. Also gründete er für ihn in Hamburg eine eigene Hohnsteiner Bühne, und ich konnte nun von drei Spielleisten herab die menschliche Welt und ihr seltsames Leben betrachten und meine Gedanken darüber aussprechen.

1953 wurde unser Meister Max Jacob 65 Jahre alt. Da fand er, dass er nun genug in der Welt herumgekaspert hätte, löste seine Bühne auf und zog sich aus der aktiven Spielarbeit zurück. Tja, aber die Katze läßt das Mausen nicht. Oder: Wer uns Holzköpfe erst einmal besessen hat, der ist von uns Holzköpfen so besessen, dass er nicht von uns lassen kann. Und so fährt Max Jacob seitdem weiter weit durch Europa und lehrt die Kunst des Puppenspiels.

1955 machten kluge und angesehene Menschen sich Gedanken darüber, dass man nicht nur immer über meine Späße lachen dürfe, sondern auch daran denken müsse, dass wir ja auf der Hand von Menschen sitzen, denen Atem und Proben und eine gewisse Sicherheit in wirtschaftlicher Hinsicht für irgendwelche Notfälle gelassen werden müsse. Und sie gründeten den "Freundeskreis der Hohnsteiner Puppenspiele". Wir Puppen freuen uns darüber für die, die uns täglich "auf Händen tragen". Täten sie´s nicht, so könnten wir Euch wiederum nicht "auf den Arm nehmen".

1956 fand der Herr Bundespräsident Heuss, dass ein Mann, der so viel für die Holzköpfe getan und  durch sie so vielen Menschen Freude gemacht hatte, doch wohl ein verdienter Mann sein müsse. Deswegen verlieh er Max Jacob das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Das hatte er auch verdient. Und alle Holzköpfe fühlten sich hoch geehrt.

1957 wurde Max Jacob in Prag zum Präsidenten der UNIMA (Union Internationale des Marionettes) gewählt. Das ist der Weltbund der Puppenspieler.

1958 spielten beide Hohnsteiner Bühnen zusammen auf der Weltausstellung in Brüssel.

1971 feierten wir unser 50jähriges Jubiläum - zusammen mit Peter Rene Körner. Dazu wurde auch vom WDR ein Film gedreht.

Und für die Zukunft bin ich überzeugt, dass es nicht mehr lange dauert und dass wir genau so fröhlich wie heute vor heiteren Menschen spielen werden, denn wir Puppen haben Holzköpfe - und die sind haltbar und überdauern die Zeit.

Euer Kasper